Mein Jahr in der Ukraine

Nachruf für meine liebe Babuschka

Dienstag, 12.03.2013

Die letzten Wochen, ja sogar Monate sind sehr schnell vergangen. Nahezu geflogen. Es gab viele schöne und unvergessliche Momente, doch leider werde ich heute über den traurigsten Moment hier in der Ukraine berichten. Unsere liebe Babuschka Soya Ivanovna ist gestern von uns gegangen. Soya Ivanovna war eine liebenswürdige, wundervolle Dame, die mich und meinen Kollegen Aaron sofort als ihre deutschen Enkel akzeptiert hatte. Bis zum Alter von 85 Jahren sorgte sie für sich selbst, auch als es mit ihrer Gesundheit stark bergab ging. Regulär zweimal die Woche, die letzten Wochen fast täglich besuchten wir sie und halfen ihr mit den alltäglichen Dingen, zuletzt pflegten wir sie nahezu. Professionelle Pflege wollte sie nicht, sie hing sehr an ihrem Haus und an ihrem Garten und mit der Hilfe von uns Freiwilligen und einem Mädchen, das für sie einkaufen ging konnte sie alles gut meistern. Für uns gab es immer reichlich Essen und jede Menge Dankbarkeit für unsere Hilfe. Ich vermisse jetzt schon unsere Nachmittage an denen wir manchmal nur mit Tee und Kuchen in ihrer Küche saßen und geredet haben. Dadurch dass ihr Deutsch sehr gut war, ging es sehr schnell eine tiefere, persönliche Beziehung zu ihr aufzubauen. Noch vor zwei Monaten hätte ich nicht gedacht, dass es so schnell bergab gehen kann. Das Gesundheitssystem hier in der Ukraine ist leider nicht einmal ansatzweise mit dem in Deutschland zu vergleichen. Man hat das Gefühl, dass es den meisten Ärzten egal ist, wenn der Patient schon ein gewisses Alter überschritten hat, oder kein Geld zu holen ist. Soya Ivanovna wollte sehr lange keine ärztliche Hilfe haben und ich konnte das immer nicht verstehen. Als  sie aber plötzlich große Schwierigkeiten beim Atmen bekommen hat, meinte sie endlich, dass es jetzt Zeit wäre den Arzt zu rufen. Der Arzt hat innerhalb 5 Minuten eine Diagnose gestellt und war dann auch sofort wieder weg. Die nächsten 10 Tage ist eine Krankenschwester vom roten Kreuz gekommen und hat ihr eine Spritze gegeben nach der es ihr immer viel schlechter ging. Die Schwester war auch etwa 5 Minuten da, obwohl ihr bewusst war, dass diese alte Frau alleine wohnt und außer uns Freiwillige und wenigen anderen Freunden niemanden hat. Der Arzt hat ihr zusätzlich noch etwa 6 verschiedene Medikamente verschrieben und nach ein paar Tagen meinte er, dass sie doch lieber andere Tabletten nehmen sollte und verschrieb ihr neue. Ihre geringe Rente musste sie also für Medikamente hergeben, von deren Wirkung ich alles andere als überzeugt war. Es wurde also immer schlimmer und in Deutschland wäre sie schon längst ins Krankenhaus überwiesen worden. Als sie dann die Möglichkeit hatte, wollte sie es nicht und ich konnte es wieder nicht verstehen. Wir waren jeden Tag bei ihr und pflegten sie so gut wir konnten, auch ein Ehepaar mit dem sie befreundet waren eine große Hilfe, aber es war uns allen klar, dass sie nicht mehr alleine sein sollte. Sie konnte nun gar nicht mehr für sich selbst sorgen, aber gegen das Krankenhaus hat sie sich gewehrt. Irgendwann war es dann aber so weit. Sie kriegte kaum mehr Luft und erlitt zwei Schlaganfälle. Als wir sie im Krankenhause besuchen wollten konnte ich verstehen, wieso sie nicht hinwollte. Der Arzt, obwohl er wusste dass wir kaum Russisch verstehen, hat uns  mit einem neuen Rezept zur Apotheke geschickt um für sie dort noch mehr Medikamente zu kaufen.  Auf mich wirkte die Situation einfach nur irrsinnig. Ein Krankenhaus das Besucher in die Apotheke schickt. Das Gebäude sah zudem noch nicht mal aus wie ein richtiges Krankenhaus. Ich konnte es gar nicht richtig fassen. In dem Moment lag sie schon auf der Intensivstation. Sehen durften wir sie nicht. 2 Tage später ist sie gestorben. Ich finde es traurig, dass ich nicht bei ihr sein konnte als es passiert ist, aber der Gedanke, dass ich es die letzten Wochen ihres Lebens war, muntert mich auf. Ich war da um ihre Hand zu halten als es ihr schlecht ging, um sie zum Essen und Trinken zu motivieren, um sie zu stützen. Auch für mich war das eine sehr intensive Zeit und ich werde sie nie vergessen. Ich bin tieftraurig, aber freue mich, dass ihr Leidensweg zu Ende ist. Ich werde sie nie vergessen, meine ukrainische Großmutter Soya Ivanovna. Eine Beerdigung gab es nicht. Einen Tag später war sie schon vergraben, da sie keine Angehörigen hat, die sich um so etwas gekümmert hätten. Für uns bleibt nun nur noch die Erinnerung an sie und alle schönen Momente die wir in den letzen 6 Monaten mit ihr hatten. 

Meine Arbeit

Sonntag, 25.11.2012

Bis jetzt hab ich in meinen Blogeinträgen viel über die Ukrainer, über die Züge aber noch kaum über meine Arbeit hier berichtet. Das ist sehr schade, weil es ja sozusagen der wichtigste Teil meines Aufenthaltes hier ist. Mein Hauptprojekt ist die Arbeit mit alten Menschen, nämlich ehemaligen Zwangsarbeiterinnen in Deutschland. Es handelt sich hierbei einmal und Soya Ivanovna, die ich zweimal die Woche besuche und Anna Sergejvna, bei der ich einmal die Woche bin. (Mittlerweile ist auch noch eine weitere Babuschka/Großmutter dazugekommen). Soya Ivanovna ist etwa 88 Jahre alt und lebt in einem kleinen Häuschen etwas am Rande von Simferopol. Sie sieht und hört sehr schlecht, ihr Rücken ist krumm und trotzdem schmeißt sie noch ihren Haushalt. Natürlich geht das nicht ganz ohne Hilfe. Mein Aufgabenbereich bei ihr gestaltet sich sehr vielfältig. Ich streiche, putze, bügle oder leiste einfach nur Gesellschaft. Durch ihre Zwangsarbeit in Deutschland verfügt sie immer noch genügend Sprachkenntnisse um uns Anweisungen zu geben. Nach ein paar Wochen Arbeit bei ihr baut sich schon ein persönlicheres Verhältnis auf und sie fängt an mir richtig ans Herz zu wachsen. Sie nennt uns immer ihre Kinder und wir nennen sie unsere Babuschka. Sie wurde als junges Mädchen mit ihrer Schwester und deren Sohn nach Deutschland verschleppt und musste dort für deutsche Soldaten arbeiten. Die Arbeitsverhältnisse waren sehr hart, erzählte sie uns, und sie selbst bekam nichts zu essen. Ihre Schwester und der Sohn verhungerten, während sie sich am Leben halten konnte, weil sie in der Küche arbeitet und die Reste, zum Beispiel Kartoffelschalen, stibitzen konnte. Der Krieg kommt in fast all unseren Besuchen bei ihr zur Sprache, er verfolgt sie bis in den heutigen Tag. Es ist sehr traurig für mich zu sehen, wie diese Frau nach so vielen Jahren immer noch in Tränen aufgelöst ist wegen Gewalttaten, die damals von Deutschen begangen wurden. Jedes Mal wenn ich Soya Ivanovna helfe, habe ich das Gefühl hier gebraucht zu werden. Sie ist so dankbar für alles was man für sie tut. Auch wenn sie selbst kaum Geld für Essen hat, bekocht sie uns immer reich (Alle meine Versuche das zu verhindern wurden abgewehrt. Da sie leider gesundheitlich nicht mehr ganz auf der Höhe ist, sind die Hygienestandards in ihrer Küche ziemlich weit unten). Sie ist eine herzensgute, starke Frau und ich bin froh ihr das Leben ein bisschen einfacher machen zu können. Anna Sergejvna geht es gesundheitlich leider um einiges schlechter. Sie ist kann sich nicht mehr selbstständig bewegen, deshalb hat ihre Familie eine Pflegerin für sie engagiert. Wir helfen größtenteils beim Saubermachen. Aber jedesmal wenn ich zu ihr komme, freut sie sich wahnsinnig. Sie kann sich nur noch an einen deutschen Satz erinnern, aber auch auf Russisch klappt es sich einigermaßen mit ihr zu verständigen. Leider habe ich bisher kaum etwas über ihre Geschichte herausgefunden. Auch bei ihr hat man das Gefühl gebraucht zu werden, weil sie immer ein gewisses Leuchten in den Augen hat, wenn man sie besucht. 

Zusätzlich zu der Arbeit mit den Babuschki leiten ich und mein Mitfreiwilliger einen Deutschclub im Heidelbergzentrum für Interessierte, Schüler oder Studenten die Deutsch lernen oder ihr Deutsch verbessern möchten. Es gibt eine Gruppe für Anfänger und eine für Fortgeschrittene und der Anlauf ist ziemlich groß. Da ich noch nie in meinem Leben unterrichtet hab ist es eine etwas größere Herausforderung als ich zuerst dachte. Aber ich denke das wird sich mit der Zeit einspielen. Im Zusammenhang mit dem Deutschclub organisieren wir auch deutsche Feste und Traditionen um den Deutschlernenden unsere Kultur etwas näher zu bringen. Diesen Monat haben wir mit einer Schulklasse einen St. Martinstag auf die Beine gestellt.

Des Weiteren fallen im Heidelbergzentrum auch ab und zu Hausmeistertätigkeiten an, die auch von uns erledigt werden, was nicht unbedingt meine Lieblingsaufgabe hier ist. In Zukunft werde ich auch noch einmal die Woche in einem Heim für Behinderte arbeiten. Bis jetzt war das noch nicht möglich, da meine Russischkenntnisse einfach zu schlecht waren (Ich würd sagen, dass sie immer noch genauso schlecht sind) aber einen Versuch ist es wert.  Langweilig sollte mir also hier vorerst nicht werden, denn zusätzlich hab noch wenn möglich mindestens 2 Mal die Woche Russischunterricht und lerne auch Gitarre.
Nächste Woche fahre für ein Seminar für eine Woche nach Weißrussland, Minsk. Ich bin gespannt, was mich dort erwarten wird. 

Spießrutenlauf durch ukrainische Ämter

Sonntag, 04.11.2012

Ich entschuldige mich hiermit bei allen, die länger auf meinen nächsten Bericht warten mussten. Ich habe eine sehr gute Ausrede für diese Verzögerung, denn ich habe in nur 2 ½ Wochen in etwa 5000 km im Zug zurückgelegt- das entspricht etwa 102 Stunden (4.25 Tage) Zugfahrt, die ich mit Sicherheit nicht freiwillig dort verbracht habe.  Ich bin zum ersten Mal mit ukrainischen Behörden in Berührung gekommen, was beim besten Willen keinen Spaß bedeutet. Um unser Visum, das nur für 40 Tage lief verlängern zu können, hieß es, dass wir einmal nach Kiew müssen, was auch schon Stress bedeutete, weil es relativ spontan kam. Nachdem scheinbar dort alles abgeschlossen war, bin ich nach ein paar Tagen Erkundungstour in Kiew (übrigens eine spannende und auch schöne Stadt) erleichtert zurück auf die Krim gereist. Ein paar Tage später kam der Anruf, dass etwas nicht funktioniert hat und wir sofort wieder alle nach Kiew müssen. Nur für einen Tag und dann sollte endgültig alles abgeschlossen sein. Also bin ich zum zweiten Mal nach kurzem Aufenthalt erleichtert abgereist und nach nur einem Tag zurück in Simferopol kam erneut ein Anruf- alle müssen zurück nach Kiew. Das Ausländeramt in Kiew ist nicht gerade ein einladender Ort. Es ist nur zweimal pro Woche geöffnet, deshalb stehen dort wahnsinnig viele Menschen in einer Schlange und warten darauf (Ich denke mit vollkommener Willkür) aufgerufen zu werden, Stühle gibt es nur wenige. Das Gebäude befindet sich am Rande der Stadt in einem absolut versteckten Hinterhof und sieht sehr unspektakulär, fast ein bisschen verfallen aus. Aus deutscher Sicht wirkt das alles einfach sehr komisch und etwas beunruhigend. Man hat wirklich das Gefühl, dass die Ukraine sich alles andere als Ausländer in ihrem Land wünscht. Beim dritten Besuch waren wir dann beim Registrierungsamt und das war dann richtig komisch. Manche von uns konnten sofort problemlos registriert werden (Ich zum Beispiel-glücklicherweise) und andere aus unserer Gruppe wurden zuerst abgewiesen. Auf die Frage wieso wusste wieder einmal keiner eine Antwort. Es scheint wieder vollkommene Willkür zu sein. Seit einer Woche bin ich nun wieder in Simferopol und bis jetzt kam kein Anruf. Ich hoffe also es ist nun wirklich alles abgeschlossen. Wie das genau von statten geht mit der Registrierung konnte mir niemand sagen, nur, dass es sich wohl sehr regelmäßig gesetzlich ändert und das im Grunde viele Beamte selbst entscheiden wie sie es handhaben möchten- sozusagen je nach Gemütszustand. Für mich war diese Zeit sehr anstrengend und frustrierend. Ich bin hier um alten Menschen hier zu helfen, die ich am laufenden Band enttäuschen musste, weil ich die ganze Zeit nach Kiew musste. Es ist viel Arbeit liegen geblieben und auch die Angst, das Vertrauen meiner Pflegeomas zu verlieren. Ich konnte mich kaum hier einleben, mein Russisch verbessern, mein Umfeld hier aufbauen weil ich nur in Zügen saß und auf Ämtern war und immer wieder kam ein Rückschlag. Das einzig schöne war es meine Mitfreiwilligen, die in andern Städten arbeiten um mich zu haben, denn die konnten den Stress genau nachvollziehen- Die Situation hat uns alle zusammengeschweißt. Mit dem System hier ist nicht zu spaßen, sozialer Arbeit wird kein Dank gewidmet. Dank kommt nur von den Menschen denen mal helfen kann und die muss man enttäuschen, weil einem die Behörden in die Quere kommen. An denen wird sich- nach dem Wahlergebnis von letzter Woche- wohl leider nichts ändern. Viele Grüße nach Deutschland,


Eure Rebekka

Ukrainische Gastfreundschaft

Montag, 24.09.2012

Eine Sache an der ich mir jetzt schon ein Beispiel nehmen kann ist die unglaubliche Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, die die meisten Ukrainer an den Tag legen. Es ist ein Thema, zu dem wir Deutschen sehr viel von den Menschen hier lernen können, denn in Vergleich zu vielen Ukrainern, haben wir ein absolutes Luxusleben und sind trotzdem weniger bereit unseren Besitz zu teilen und auch offen gegenüber Fremden zu sein. Schon am Tag meiner Ankunft wurde ich mit einer absoluten Herzlichkeit und Wärme empfangen, die ich zuvor selten erlebt habe. Der Jugendclub aus dem Heidelbergzentrum hat eine Riesenparty für uns veranstaltet mit Spielen, Musik, Tanzen, Wettbewerben und Essen –alles um uns willkommen zu heißen. Trotz schwieriger Verständigung, weil die meisten nicht so gut Englisch sprechen und man mein Russisch momentan sowieso vergessen kann, haben die jungen Leute hier so viel Interesse und Dankbarkeit gezeigt, dass man sich entschlossen hat hier mitzuhelfen. Obwohl ich erst eine Woche hier bin, war ich schon in Aluschta, in Yalta mit meiner Russischlehrerin und im Krimgebirge auf einer Wanderung mit Leuten vom Youth Club, weil alle so bemüht sind uns alles zu zeigen und uns zu integrieren. Leider hab ich mich auf der Wanderung dermaßen verkühlt, weshalb ich jetzt krank im Bett liege und den ersten richtigen Arbeitstag verpasse (deshalb hab ich auch Zeit so viel zu schreiben). Aber selbst jetzt kümmern sich die Leute. Ich hab von meiner Vermieterin schon Suppe, Gemüse und Tee bekommen und alle möglichen Leute bieten mir Hilfe an – sogar mein Gitarrenlehrer, den ich erst seit ein paar Tage kenne, hat gefragt ob er mir in der Apotheke Medikamente kaufen soll. Ich frag mich echt oft, ob einem das in Deutschland auch passieren würde. Ich schätze nicht in dem Ausmaß. Ich muss echt sagen, dass einem genau so etwas den Neustart in dieser fremden Welt total vereinfacht und dass ich es allein deswegen auch noch keine Sekunde bereut habe in die Ukraine zu gehen. Damit will ich eigentlich nur sagen, dass ich das Land jetzt schon ins Herz geschlossen habe und mich auf alles was  kommt freue, auch wenn mir bewusst ist, dass es nicht immer nur einfach sein wird.  

Meine ersten ukrainischen Schritte

Montag, 24.09.2012

Wer mich ein bisschen kennt, war auch bestimmt schon das ein oder andere Mal mit einer meiner größten Schwächen konfrontiert – mein Orientierungssinn, der leider größtenteils nicht vorhanden ist. Sogar München ist, obwohl ich jetzt zwei Jahre dort gelebt habe, manchmal ein einziges, großes Labyrinth für mich. Mit diesem Hintergrundwissen, können vielleicht einige meiner Freunde nachvollziehen wie es mir die letzte Woche hier in Simferopol ergangen ist. Obwohl ich fast immer in Begleitung war, musste ich mich schon einige Male meiner Schwäche stellen, weil ich nicht nur in einer fremden Stadt bin, sondern auch in einem mir absolut fremden Land. Ein fremdes Land in dem ich kaum Anhaltspunkte zu meinem gewohnten Leben in Deutschland finden kann, weil hier einfach alles anders ist. Sogar die Schlösser werden hier nicht nach links rum aufgesperrt, sondern andersrum (das hört sich jetzt weniger dramatisch an, aber es sind alles Dinge an die man sich in den ersten Tagen echt gewöhnen muss). Simferopol ist glücklicherweise eine überschaubare Stadt, denn  ich konnte mir jetzt schon grob ein paar Richtungen merken und finde zumindest nach Hause wenn es drauf ankommt. In etwa 20 Minuten kann ich zu Fuß in die Innenstadt gehen, wo sich auch das Heidelbergzentrum befindet. Für längere Strecken gibt es hier sogenannte Trollibusse und Marschrutkas. Diese Verkehrsmittel gestalten sich schon wieder etwas abenteuerlicher und ich muss zugeben, dass ich das Ganze noch nicht so genau überblickt habe. Maschrutkas haben nämlich keine festen Haltestellen und Fahrzeiten (auch für Trollibusse gibt es keine Fahrpläne, aber zumindest Haltestellen). Mir wurde in Deutschland mein Leben lang beigebracht einfach auf dem Busplan nachzuschauen, also was nun? Theoretisch funktioniert es folgendermaßen. Wenn man eine Maschrutka sieht, die in die Richtung fährt in die man möchte versucht man sie irgendwie anzuhalten oder zur nächsten Haltestelle zu rennen. Die Maschrutkas sind durch Nummern gekennzeichnet und vorne am Fenstern steht auch grob die Strecke, die sie langfährt (wie ich das verstanden habe, sollte man trotzdem lieber immer nochmal nachfragen ob das wirklich stimmt). Wenn man die Schrift schnell genug entziffert hat und es dann tatsächlich in die Maschrutka geschafft hat, muss man nun aufpassen, dass sie auch den richtigen Weg fährt und wenn man einen Anhaltspunkt sieht oder etwas das einem bekannt vorkommt und sich in der Nähe des Zielorts befindet, schreit man durch den Bus ganz laut „на остановке“ um an der nächsten möglichen Stelle aussteigen zu können. Eigentlich ist das ja alles ganz praktisch, denn im Grunde kann man die Maschrutka überall anhalten und sich damit Fußweg ersparen, aber wenn man noch keine Ahnung von dieser Stadt hat, dann ist das schon eine große Herausforderung. Vor allem nachts ist es ein großes Problem, weil die Straßen so schlecht beleuchtet sind, dass ich für meinen Teil kaum einen Anhaltspunkt wiedererkennen kann. Für mich ist es im Moment am sichersten alles zu Fuß zu gehen und mir den Stress mit den Maschrutkas zu sparen bis ich mich besser auskenne. Nur ab und zu lässt es sich halt nicht vermeiden. Ganz witzig sind auch die Preise, die man hier für eine Busfahrt zahlt. Trollibusse kosten umgerechnet etwa 10 ct und Maschrutkas 25 ct. Zumindest daran könnte sich die MVV ein Beispiel nehmen. Auch hier sind gute Russischsprachkenntnisse mal wieder von besonders großer Bedeutung, denn nur dann wird es einfacher! Das ist wenigstens ein guter Motivationsfaktor!
Aber nicht, dass ihr jetzt denkt der Fußweg wäre total langweilig im Vergleich dazu! Nein, andere Verkehrsteilnehmer sorgen auch hier für eine gewisse Spannung. Hier ist es wichtig immer gut nach links und rechts zu schauen wenn man über die Straße geht und auch Schnelligkeit zählt. Es gibt ein paar wenige Ampeln, denen man denke ich auch vertrauen kann, aber viele Straßen sind einfach nur so zu überqueren. Der Verkehr ist sehr chaotisch und Autofahrer halten ungern für Fußgänger und überholen an Stellen, wo jeder Deutsche nur verstört den Kopf schütteln würde. Wie ich bereits auch erwähnte, ist in Wohnvierteln die Straßenbeleuchtung nahezu nicht vorhanden, stattdessen gibt es jede Menge Schlaglöcher und angeblich auch fehlende Gullideckeln. Also ohne Taschenlampe geht hier am Abend gar nichts. Aber das hört sich jetzt alles nur so dramatisch an, denn es gibt auch wunderschöne Ecken hier in Simferopol. Die Innenstadt und der Bahnhof sind sehr herausgeputzt, es gibt viele Märkte, Bazare und auch wenn viele Wohnhäuser von außen sehr verfallen wirken, sagt das noch nichts über den Zustand im Haus aus. Ich finde die Stadt auch sehr grün, denn es gibt hier viele kleine Parks und Gärten und alles in allem wirkt es zwar fremd, aber freundlich.

Zugfahrt ins Ungewisse

Sonntag, 23.09.2012

 

Auch wenn es erst ein paar Tage her ist, kann ich mich kaum noch in meine Gefühlslage versetzen mit der ich am 14. September in Berlin am Bahnhof stand. Plötzlich wird einem bewusst, dass man ein Jahr lang in der absoluten Fremde verbringen wird. Man hat so lange auf den Tag gewartet, sich tausend Bilder dazu ausgemalt und plötzlich ist es soweit und es gibt kein zurück mehr. Mit diesem Gefühl ging es los auf die große Reise- mit dem Bewusstsein dass man eine 40 Stunden Fahrt in ukrainischen Zügen vor sich hat. Gleich nachdem ich meinen Fuß in den Zug gesetzt hatte, wusste ich, dass das ganze ein Abenteuer wird. Die ukrainischen Züge unterscheiden sich sehr von den deutschen Züge. Da im osteuropäischen Raum mit dem Zug meist lange Distanzen zurückgelegt werden gibt es in da keine ungemütlichen Sitze sondern Betten, was ziemlich gemütlich ist. Der erste Teil der Reise war von Berlin nach Kiew. Unser Wagon bestand hauptsächlich aus meinen Mitfreiwilligen, deshalb war alles ganz entspannt. Man konnte gut schlafen und musste sich auch keine Sorgen um seine Sachen machen. Jedes kleine Abteil bestand aus drei Betten, die man tagsüber zu einem Sitz umklappen kann. Das komplette Wagon ist mit Teppichen ausgelegt, was irgendwie eine ganz nette Atmosphäre schafft, aber auch äußert unpraktisch ist, wenn man viel Gepäck dabei hat (weil die Teppiche nicht am Boden fixiert sind sondern man ziemlich leicht darüberstolpern kann) Die 24 Stunden Fahrt vergingen wie im Flug, nur die Passkontrolle und der Umbau der Gleise haben ziemlich viel Zeit in Anspruch genommen, in der einem mal wieder bewusst wurde, dass man das Europa das man kennt gerade verlassen hat. Angekommen in Kiew, hatten ich und mein Mitfreiwilliger 40 Minuten Aufenthalt am Bahnhof bevor es weiterging nach Simferopol. Im neuen Zug angekommen, wurde uns ziemlich schnell bewusst, dass die Fahrt Berlin-Kiew in einem regelrechten Luxuszug stattfand. Der Zug war etwas anders aufgebaut und irgendwie auch viel schmutziger- vor allem die Toiletten sind richtig widerlich- man muss ich auch vorstellen, dass die ganzen "Toilettenabfälle" direkt aufs Gleis rausgehen- in Deutschland natürlich undenkbar. Plötzlich waren wir wahrscheinlich die einzigen Ausländer im Zug, was ziemlich schnell eine gewisse Aufmerksamkeit auf uns zog. Aber bereits in dieser Zugfahrt hab ich eine Gastfreundschaft zu spüren bekommen, die in Deutschland nahezu undenkbar wäre. Trotz unserer mangelhaften Russischkenntnisse wurden wir sofort bei den Ukrainern in unserem Zugabteil integriert, die mit Händen und Füßen versucht haben sich mit uns auszutauschen und total interessiert an uns waren. Anschließend wurde dann auch der Wodka ausgepackt- natürlich ein original russischer. Im Nachhinein kann ich sagen, dass es vielleicht nicht so schlau ist im Zug Wodka zu trinken, weil die Zugfahrt das Schwindelgefühl regelrecht verstärkt (Die Züge fahren nicht so schön geräuschlos und sachte wie in Deutschland, sondern mehr so wie ein Schiff das in einen Sturm geraten ist). Aber naja, in dem Moment war es eine tolle Erfahrung und auf ihre Art und Weise haben uns die Ukrainer willkommen in ihrem Land geheißen.  Neben dieser netten Erfahrung hat man aber auch ziemlich schnell die Armut bemerkt, die in der Ukraine ein großes Problem ist. An jeder Haltestelle standen sehr alte Babuschki, die manchmal kaum noch laufen konnten und haben versucht alles Mögliche an Gebäck oder Getränken zu verkaufen um ihre Rente damit aufzubessern. Die Preise sind allerdings so niedrig, dass sich ein Deutscher zu gut dafür wäre sich dafür Stunden auf die Straße zu stellen, da es sich kaum lohnt. Natürlich ist hier fast alles billiger als in Deutschland, deshalb kann man sich als Deutscher einen relativ gehobenen Lebensstandard leisten, selbst als Freiwilliger. Aber dazu ein anderes Mal mehr.

Nach der langen, langen Zugfahrt sind wir dann endlich in Simferopol angekommen. Ich war zu dem Zeitpunkt schon zu erschöpft um mir Gedanken zu machen was jetzt eigentlich auf uns zukommt, wer uns abholt und was sonst in den nächsten Stunden passieren wird. Was dann aber passiert ist hätte ich mir so aber auch niemals vorstellen können. Ich wurde noch nie zuvor am Bahnhof so nett und euphorisch von komplett fremden Menschen empfangen wie an diesem Tag. Die Mitarbeiter des Jugendclubs, in dem ein großer Teil meiner Arbeit stattfindet, haben sich wirklich Mühe gegeben und es in meinem Fall sofort geschafft meine Ängste und Zweifel verschwinden zu lassen. Sogar eine Willkommensparty für uns war schon geplant und man wurde überschüttet von Aufmerksamkeit und Verständnis!

 

Am nächsten Tag hab ich dann auch zum ersten mal mein zukünftiges Zimmer gesehen. Ich wohne zur Untermiete bei einer etwas älteren Dame. Diese Frau ist wirklich unglaublich nett zu mir, auch wenn wir im Grunde überhaupt nicht verbal kommunizieren können. Sie spricht leider weder Deutsch noch Englisch und mit meinen paar Sätzen Russisch komm ich auch nicht viel weiter. Mir ist es wirklich sehr wichtig, dass sich an der Situation bald was ändert. Das würde das ganze um einiges einfacher machen. Aber von dieser Problematik abgesehen muss ich echt sagen, dass ich mich schon ein bisschen zu Hause fühle hier. Die Wohnung ist echt ganz schön. Wir haben ein ordentliches Bad, eine schöne Küche, eine Waschmaschine. Es ist also alles da, was man sich so wünscht.

 

Das Abenteuer kann also beginnen.....

 

Autor

Hallo mein Name ist Rebekka und ich werde bald eine längere Zeit in dem Land Ukraine verbringen. Ihr könnt gerne meine Blogeinträge kommentieren oder mich über das Kontaktformular anschreiben.

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